Kulturpreis 1986

Gertrud von Hassel

Gertrud von Hassel 200 pix hoch

Die Urkunde

Der Kreis Dithmarschen hatte Frau Gertrud von Hassel  in Anerkennung und Würdigung ihrer herausragenden Verdienste auf dem Gebiet der Malerei den Kulturpreis des Jahres 1986 verliehen. Frau von Hassel hat sich mit ihrer unermüdlichen Schaffenskraft bis ins hohe Alter nicht nur in ihrer Wahlheimat Dithmarschen sondern auch weit über die Kreisgrenzen hinaus einen bedeutenden Namen gemacht. Der Kreis Dithmarschen ist Frau von Hassel zu außerordentlichem Dank verpflichtet und wird ihr Andenken in Ehren halten.

Aus der Laudatio

Landrat Tiessen ging in seiner Laudatio auf den Lebenslauf der Gertrud von Hassel ein:

Sie wurde Donnerstag, 10. September 1908, als Tochter des Kolonialoffiziers und späteren Kaffeefarmers Theodor von Hassel in Daressalam (Ostafrika) geboren. Nach Kindheitsjahren in Afrika verbrachte sie ab 1919 Schul- und Studienjahre in Deutschland. In Flensburg machte sie Abitur und studierte dann Kunst in Hamburg, Kassel, Dortmund und Berlin. 1933 schloss sie ihr Studium mit dem Staatsexamen ab, dem sich dann die Lehrerzeit anschloss. Von 1943 bis 1961 unterrichtete sie in Meldorf. Nach ihrer Pensionierung arbeitete sie als freie Künstlerin.

Landrat Tiessen erwähnte in ihrem künstlerischen Frühwerk insbesondere die Portraits, Stillleben und Landschaften. Der Schwerpunkt ihrer Arbeit lag nach 1943 auf Dithmarscher Motiven. Es sei vor allem das tägliche Leben gewesen, das Gertrud von Hassel in ihren Bildern festhielt, betonte der Landrat. Die Personen seien auch nicht verfremdet worden. Mancher Museumsbesucher konnte sich auf dem Gemälde wiedererkennen.

Einführung in das Werk Gertrud von Hassels
von Gunhild Roggenbuck in "Gertrud von Hassel", Heide 1978, Dithmarscher Presse-Dienst Verlag

Gertrud von Hassel kann im Jahr 1978 auf ein fünfzigjähriges Schaffen zurückblicken.

Sie begann ihre Laufbahn 1928 als Kunststudentin zu einer Zeit, als in Deutschland der Expressionismus noch immer wirksam war, die unterschiedlichsten, nebeneinander herlaufenden "Tendenzen der Zwanziger Jahre" jedoch die Kunstszene beherrschten. Von welchen dieser Strömungen ist Gertrud von Hassel geprägt worden? Vom Expressionismus, von Dada, vom Futurismus, vom Konstruktivismus, vom Surrealismus oder vom Realismus?

Der um 1930 längst in seine ausklingende Phase getretene Expressionismus hat die Schülerin des hochangesehenen Berliner Kunstpädagogen Georg Tappert (1880 - 1957) nur noch mittelbar berührt, zumal der Expressionist Tappert zu jener Zeit schon modernere Stilstufen durchlaufen hatte und seine Gemälde und Grafiken vor den Schülern im Verborgenen hielt. Sichtet man die ersten Arbeiten der Kunststudentin auf Einflüsse der neuesten Strömungen, so erweist sich die "Neue Sachlichkeit" als stilprägend.

Sachlich, im Sinne einer soliden technischen und formalen Ausbildung, war auch der Unterricht an den besuchten Kunsthochschulen ausgerichtet, vor allem  in Kassel und Berlin. Zeichnen nach der Natur wurde an allen gängigen Themenstellungen wie Akt, Gewandfigur, Porträt, Landschaft und Stilleben erprobt. Die Beherrschung unterschiedlicher Techniken der Zeichnung, der Druckgrafik und der Malerei gehörten ebenso zum Ausbildungsprogramm wie die theoretische und praktische Auseinandersetzung mit Kompositions- und Farbgesetzen.

Gegenstandstreue und klassisch-realistische Wiedergabe der Objekte galten als die Maximen der gelehrten Kunstauffassung. Originale in den Museen und Farbreproduktionen bedeutender Kunstwerke stellten das gesteckte Ziel stets vor Augen.

Gertrud von Hassel ist der gegenständlich gebundenen Darstellungsweise und einem konkreten Realismus, der weder die Bezirke des Kritischen noch die des Idyllisch-Hintergründigen eines "Magischen Realismus" oder einer "Neuen Sachlichkeit" betritt, bis auf wenige Ausnahmen treu geblieben. Die Eigenarten ihres Realismus lassen sich noch genauer beschreiben. Die Künstlerin zeichnet oder malt stets nach der Natur, kaum je entsteht eine Figur, ein Stilleben, eine Landschaft als reines Phantasieprodukt.

Auch die im Atelier ausgeführten Radierungen und Landschaftsgemälde verarbeiten vor Ort aufgenommene zeichnerische Skizzen. Ihr Realismus stellt die sichtbare Wirklichkeit dar. Das, was ihre Kunst vom bloßen naturgetreu abbildenden Naturalismus abhebt, sind die absichtsvolle Auswahl der Motive, der bestimmte Blickwinkel, unter dem der Realitätsausschnitt erscheint, die besondere Stimmung, die eingefangen oder hervorgerufen wird, und ein ausgesprochen ausgeprägter Sinn für Form und Komposition.

Der schöpferische Funke entzündet sich an der Wechselbeziehung zwischen Subjekt und Umwelt. Das eine Mal sind es Dinge, Stimmungen oder Farbklänge, die die Künstlerin unmittelbar fesseln und auf der Stelle gezeichnet oder gemalt werden wollen. Die Objekte bieten sich als latente Kompositionsträger zum "Bauen" eines Bildes an.

Das andere Mal wird die Umwelt gleichsam abgetastet nach Realitäten, von der sich die Vorstellung bereits ein Bild gemacht hat; es soll das gefunden werden, nach dem gesucht wird. Die Wirklichkeit erscheint dann nicht gerade als Kunst, wird aber durch das Medium Kunst, bzw. im Hinblick auf Kunst angeschaut. Im so gearteten Schaffensprozess lässt sich vitale, sozusagen unverstellte Welterfahrung mit dem künstlerisch-intellektuellen Bedürfnis nach formender Verarbeitung des Gesehenen nahtlos verbinden.

Gegenständlichkeit und offenliegender Sinn des Dargestellten machen die Arbeiten Gertrud von Hassels leicht zugänglich; sie laden den Betrachter, ohne inhaltliche Verständnisbarrieren überwinden zu müssen, ein, in die Struktur des Bildaufbaus, in Schicksal und Charakter der Dargestellten, in die Stimmung einer Landschaft oder den formalen Reichtum eines Stillebens einzudringen. Diese unkomplizierte Verständigung zwischen Bildmitteilung und aufnehmendem Betrachter durchbrechen nur einige Gemälde, die zwischen 1960 und 1970 als Reflex seelischer Spannungen entstanden sind. Ihre Inhalte und Formen bergen Hintergründiges und Symbolisches.

Bevor wir uns dem Werk im einzelnen zuwenden, sei noch einmal ausdrücklich auf die schon von der Künstlerin selbst dargelegten Bedingungen hingewiesen, unter denen diese Bildwelt ihre charakteristische Form annahm. Gertrud von Hassel erhielt die künstlerische Ausbildung zum Zwecke des Broterwerbs; bis zu ihrem 53. Lebensjahr hat sie den Beruf der Kunsterzieherin im Schuldienst ausgeübt. Nach dem Studium in Kunstzentren wie Hamburg, Kassel und Berlin lebte sie in Städten, in denen moderne Kunst kaum eine Rolle spielte.

Das heißt, die meisten ihrer Arbeiten entstanden unter Ausschluss der Öffentlichkeit, fern vom aktuellen Kunstbetrieb und abseits von künstlerischen Gruppen- oder Schulbildungen. Ihre Bilder sind private Äußerung und Auseinandersetzung mit ihrer Umwelt - neben den täglichen Pflichten. Dennoch zögert man entschieden, die Produktion bis zum Jahre 1960 als Nebenbeschäftigung oder schöpferische Freizeitgestaltung einzustufen. Nach der vorzeitigen Versetzung in den Ruhestand, im Jahre 1961, trat Gertrud von Hassel erstmals in den Status einer "freischaffenden Künstlerin", die sie bis heute ist.

Nachruf

Die Kulturpreisträgerin Gertrud von Hassel starb vier Tage vor ihrem 91. Geburtstag, am 6. September 1999 in Meldorf. Ein Teil ihres Nachlasses befindet sich im Dithmarscher Landesmuseum.


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