Kulturpreis 2003

Professor Dr. Reimer Bull

Reimer Bull

Reimer Bull, geboren am 16. Dezember 1933 in Marne/Dithmarschen, studierte nach seiner Schulzeit Germanistik, gefolgt von einer Ausbildung zum Lehrer für Grund- und Hauptschulen. Bull arbeitete bis zu seiner Pensionierung als Professor für Deutsch und Niederdeutsch an der Universität Kiel.

1993 wird Professor Reimer Bull mit dem "Fritz-Reuter-Preis" ausgezeichnet, im Jahr 2000 mit dem "Niederdeutschen Literaturpreis" der Stadt Kappeln und am 1. Oktober 2002 verleiht ihm seine Geburtsstadt Marne die Ehrenbürgerwürde.

Die Urkunde

Der Kreis Dithmarschen verleiht Professor Dr. Reimer Bull den Kulturpreis 2003.

Mit seinem unermüdlichen Wirken für die Förderung der Niederdeutschen Sprache hat sich Professor Dr. Reimer Bull um Kultur, Tradition und Identität Dithmarschens verdient gemacht.

Ihm ist es mit zu verdanken, dass seine Muttersprache, die für ihn die Erstsprache war, weiter lebendig und für alle in Wort, Schrift und Ton zugänglich ist.

Durch Vorbild und Engagement ist es Professor Dr. Reimer Bull gelungen, eine Brücke zu schlagen zwischen Regionalsprache und Hochsprache und beiden den ihnen in einem Europa der Regionen zukommenden Stellenwert klar und deutlich zuzuweisen.

Die Laudatio

Reinhard Goltz: Unterhaltung auf höchstem Niveau

Verehrter Herr Landrat, Herr Kreispräsident, sehr geehrte Damen und Herren, mien leven Perfesser Bull,

ehr ik dat vergeten do, will ik eerstmaal mien Glückwunsch loos warrn. Glückwunsch an den Kreis Dithmarschen. He hett för den Dithmarscher Kulturpries 2003 keen betern finnen kunnt. Un mien Glückwunsch geiht ok an Se, Herr Bull – an een Mann, de in de letzten acht Johr so vele Ehrungen kregen hett – dor kann een meist bang bi warrn. Dat de Kreis Dithmarschen eerst nu an de Reehg is, dat is eher ’n Tofall. Man ik bün seker, dat de Dithmarscher Kulturpries för Reimer Bull jüst so ganz bavenan steiht as de Ehrenbörgerschaft, de de Stadt Marn an em utgeven hett.

Eine Inflation von Preisen? Keineswegs – alles ist knapp, sagte der Ökonom – auch die Preise für niederdeutsche oder regionale Kulturarbeit. Jeder will sie gern haben, aber einige haben sie eben mehr verdient als andere. Die Häufung bei Reimer Bull ist nichts anderes als der Ausdruck einer allgemeinen Anerkennung seiner Leistungen: als Autor und als Erzähler, weit über Dithmarschen hinaus, mit seinen Büchern, öffentlichen Vortragsabenden und Auftritten in den Medien Rundfunk und Fernsehen.

In nüchternen Zahlen ausgedrückt – und was für die Ewigkeit bleibt: inzwischen 11 Bücher, 4 CDs. Dann die flüchtigen Eindrücke: Hunderte von Lesungen eigener und fremder Texte auf der Welle Nord, -zig Auftritte bei Talk op Platt, und weitere Hunderte von Lesungen: oder besser: Erzählstunden in ganz Norddeutschland.

Das alleine ist es selbstverständlich nicht. Wenn man den berühmten Mann auf der Straße fragt: kennen Sie einen plattdeutschen Erzähler, dann hätte man vor 30 oder 40 Jahren zur Antwort bekommen: Rudl Kinau. Ebenso eindeutig wie damals fällt heute die Antwort aus: Reimer Bull. Die Leute kennen ihn, sie mögen ihn, sie versehen ihn mit allerhöchsten Sympathiewerten.

Wenn ich ehrlich sein soll: mir sind solche Erfolgsgeschichten nicht ganz geheuer: is dat een, de de Lüüd bloots na ’t Muul snackt? De akkraat weet, wat se hören wüllt? Un de jüm dat un nix anners op’t Botterbroot smeert?

Kurzfristig könnte man auf diese Weise sicherlich Erfolge einheimsen – nicht aber über einen solch langen Zeitraum. Nee, de Mann weet, wat he deit. He versteiht sien Handwark allerbest. Un he is dorbi, sienen Stil un sien Präsentation jümmers wieder to entwickeln.

Was genau macht der Mann nun? Worin besteht sein kulturelles Angebot – denn das muss es schon sein, schließlich verhandeln wir heute einen Kulturpreis. Reiner Bull unterhält sein Publikum. Und das tut er grandios. Und glücklicherweise hat er überhaupt keine Probleme mit der Frage, ob man sein Tun nun in die Schublade der Literatur, der Kunst oder der kleinen Begebenheiten des Alltags steckt.

Als Theatermann und als Deutschprofessor weiß er nur zu genau: niveauvolle Unterhaltung ist das allerschwierigste Fach. Vor allem, weil die Handlung und die Figuren über lange Zeit nach allen Seiten hin offen sein müssen. Anerkennung aber – und auch das weiß Reimer Bull – Anerkennung findet Unterhaltung nur im Ausnahmefall. Nein, unser Preisträger schielt nicht verstohlen zu den Kritikern rüber, ihm gibt auch der niederdeutsche Kulturbetrieb wenig Orientierung.

Sie Herr Bull, folgen ganz einfach Ihren eigenen Qualitätskriterien. Und das ist gut so. Diese Unabhängigkeit, dieser Freigeist, ist die Grundlage für Ihren Erfolg. Denn so gelingt es Ihnen – mit scheinbarer Leichtigkeit – den richtigen Ton zu treffen, bei den Zuhörern etwas zum Schwingen, zum Nachhallen zu bringen. Sie unterwerfen sich nicht dem Diktat des Geschmacks.

Andererseits: Lieber Herr Bull, Sie wären ein Träumer von bescheidenem Erfolg, wenn Sie nicht Ihr Publikum genau beobachtet hätten. Und diese Beobachtungsgabe brauchen Sie auch für Ihre Geschichten: Sie kennen die Schwächen der Menschen, ihre Sehnsüchte, ihre Resignationen, ihre Träume. Sie sind in der Lage, ganz einfach Menschen zu erfassen und zu erreichen.

Und auch das stimmt: Reimer Bull bedient sein Publikum. Welcher Künstler tut das nicht? Und kann das überhaupt als Vorwurf verstanden werden: Er bedient sein Publikum!? Die Gleichung geht ja schon lange nicht mehr auf, wonach die Kunst umso höher einzuschätzen ist, je unverständlicher, provokativer oder elitärer sie daherkommt. Reimer Bull beweist: Man kann auch den ganz normalen Menschen Angebote unterbreiten, in denen sie sich wiederfinden und in denen sie sich aufgehoben fühlen – und zwar fernab vom folkloristischen Dunst eines Musikantenstadl und oberflächlichen oder marktschreierischen Blödeleien.

Reimer Bulls Kulturangebot ist mehrheitsfähig – auch darin besteht seine Leistung. Wie aber gelingt ihm die Gratwanderung zwischen leichter Unterhaltung mit Pointen und befreiendem Lachen auf der einen Seite und nachdenklichen, philosophischen, auf Lebenserfahrung und Weltweisheit beruhenden Elementen auf der anderen. Sicher, das ist alles eine Frage der Komposition – und gerade hier zeigt Reimer Bull eines seiner außergewöhnlichen Talente: im Bau seiner Erzählungen.

Was seinen Figuren widerfährt, ist unspektakulär – Kinderglauben an den Weihnachtsmann, die erste Freundin, Kaffeebesuch am Sonntag Nachmittag – unspektakulär, vielleicht auch alltäglich – aber niemals banal. Und das liegt auch daran, dass dieser Erzähler seine Figuren annimmt und ernst nimmt, er mag sie alle, so wie sie sind, mit ihren guten und ihren schlechten Seiten. Zerrbilder, so richtig fiese Gestalten, Figuren, die uns allein durch ihre Macken zum Lachen reizen, sucht man hier vergebens. Die Menschen in Reimer Bulls Geschichten sind Archetypen – um mit C.G. Jung oder für die Literatur mit Gottfried Benn zu sprechen.

Es sind Mutter, Bruder, Nachbarn, Freunde: Rollen, von denen wir alle wissen, wie sie besetzt sind. Und weil sie Archetypen sind, darum kommen sie uns auch alle so bekannt vor. Als Ergebnis unzähliger Erfahrungen gehören diese Figuren zu unserem kulturellen Gemeinbesitz. Reimer Bull holt sein Publikum zu Hause ab.

Der Eindruck der Vertrautheit verstärkt sich dadurch, dass der Erzähler Reimer Bull seine Leser und seine Zuhörer mitnimmt in seine eigene Welt. Dabei handelt es sich keineswegs um die wirklichen Lebensumstände und Erlebnisse des Professor Dr. Reimer Bull, geboren am 16. Dezember 1933 in Marne. Nein, Herr Bull, auch Ihr Ich-Erzähler ist ein Archetyp, einer, der so ist wie wir alle, der Dinge erlebt hat wie wir, der Situationen durchlebt hat wie wir. Und dieses Ich, das dann auch noch hier und da Reimer heißt, dieses Ich nimmt die Leser und Hörer mit in seinen Erfahrenshorizont, in sein Elternhaus, in seine Familie.

Dieser Reimer lässt uns teilhaben. Dadurch erweckt er unser Vertrauen. Er wird glaubhaft. Die Erzählungen des Autors Reimer Bull sind so konstruiert, dass die Leser und Hörer – zumindest gilt das für die Generation der Ab-50-Jährigen – ihre eigenen Lebenserfahrungen erkennen, wieder erkennen. Die Erzählung ist dann eine Art Spiegel, der es erlaubt, in und auf das eigene Leben zu blicken. Das ist schon etwas vertrackt: Der Zuhörer findet einen neuen Blick auf das eigene Leben durch die Brille des Erzählers. Um es überspitzt auszudrücken: ein anderer erzählt mir meine eigene Lebensgeschichte.

Mit welcher Hingabe der Junge an seinem Glauben an den Weihnachtsmann festhält – das ist schon grandios erzählt. Kindheitsträume bleiben dabei ein hohes Gut, zumal sich der Autor eine aufgeklärte Erwachsenenhaltung versagt. Nein, die Vorfreude, die ganze Spannung, die sich um die übernatürliche Figur des Weihnachtsmanns aufbaut, wird exakt beschrieben und vor allem in ihren gefühlsmäßigen Dimensionen transportiert: kann de Wiehnachtsmann mienen Wunschzettel ok lesen, wo wahnt egentlich de Wiehnachtsmann, woans findt he mit sien Sleden na uns hen, wenn doch gor keen Snee liggt, warrt de Wiehachtsmann oolt? Gifft dat eenen för all Kinner oder gifft dat mehr Wiehnachtsmänner? Kann de Wiehnachtsmann ok starven?

Der Erzähler weiß ebenso wie seine Zuhörer, dass es irgendwann so weit ist: dass zwar nicht der Weihnachtsmann stirbt, dafür aber der Glaube an ihn. Das Leben ist voller Abschiede; das ist die melancholische Komponente, die Reimer Bulls Erzählungen wie ein roter Faden durchzieht. Der Junge ist auf seinem Weg in die Welt nun aber keineswegs auf sich allein gestellt. Nein, er hat Begleiter, hier vor allem Mutter und Großvater, die ihn behutsam stützen.

Die ihn erziehen, ohne ihn zu verbiegen. Aber sie stehen eben auch dafür, dass eine Gemeinschaft ohne gemeinsame Wertvorstellungen nicht bestehen kann. Reimer Bull ist ein Moralist, der sich nicht scheut, seine Wahrwörter deutlich auszusprechen: To dat Wünschen, dor höört dat Vertruun. Wokeen nich vertruun kann, de kann sik ok nich frein. Lehrsätze, bei denen Sie, lieber Herr Bull, Ihre pädagogische Ader nicht verleugnen können.

Meine Damen und Herren, kennen Sie Rolfi? Rolfi ist der Nachbarsjunge, der aus Tolpatschigkeit schon über Weihnachten die neue Eisenbahn ramponiert, die Reimers und Hartwigs Vater aus dem Krieg aus Frankreich geschickt hat. Die Kinder geraten in Streit, aber ebenso selbstverständlich spielen sie anschließend wieder miteinander. Auch die Tatsache, dass Rolfis Mutter eine stramme Gefolgsfrau der Hitler-Partei ist und Unheil von ihr ausgeht, macht ihn keineswegs sympathischer.

Eine doppelte Auflösung erfährt dieser Erzählstrang durch die Nachricht, dass Rolfis Vater im Krieg den „Heldentod“ gestorben ist: getroffen ist eine Familie, die sich zuvor unanfechtbar zeigte. Und: trotz aller Gegensätze in der Erwachsenenwelt trauern die Kinder gemeinsam. Beispielgebend wie in den Kalendergeschichten eines Bertolt Brecht.

Un wat hett dat allens mit Dithmarschen to doon? Eerstmaal: gor nix. Un denn doch wedder: ganz veel. Wenn wi nämlich bi Reimer Bull siene Minschen vun Archetypen snacken köönt, denn gellt dat jüst so för siene Landschaft, för sien Lüttstadt, för de Straten un Hüüs. Ok hier gellt: in ganz Noorddüütschland kennt wi düsse Gegenden un wi kennt de Minschen, de hier to Huus sünd. De Lesers un Hörers köönt sik in düsse Landschaft rindenken. Is also egentlich eendoont, wo dit Land nu würklich liggt. Oder wat dat düt Land överhaupt geven deit.

Man op de anner Siet: De Minsch kann ja nich ut sien Huut. Ok nich, wenn he Bull heet. Un dorüm lehnt he sik an de Minschen an, de he kinnen deit. Un ok an de Lüttstadt, wo he sülvst groot worrn is, un an de Landschaft dor. Un dat is nu maal Dithmarschen. Oder wie Heiner Egge in einem seiner Romane schreibt: Dithmarschen – das Land, wo die Sonne hinter einer Kuh untergeht. För Reimer Bull heet dat genauer: Süderdithmarschen, de Masch, das Sizilien der Westküste.

He seggt ja sülvst, dat he för Norderdithmarschen nich snacken kann. Reimer Bull sien Dithmarschen stickt dor jümmers mit binnen, in siene Geschichten. Aber was ist das für ein Dithmarschen? Und was hat das mit uns und unserer Zeit zu tun? Nein: Massentourismus, Windkraftanlagen und Ölraffinerie, Arbeitslosigkeit, Konsumverhalten, die Kriege des letzten Jahrzehnts, die ja auch auf unseren Fernsehschirmen ausgetragen werden – das alles bleibt in Reimer Bulls Geschichten ausgespart.

Mit dieser Flut an wirklichen oder vermeintlichen Aktualitäten will er nicht in Konkurrenz treten. Die Welt verbessern, und das mit kleinen Erzählungen – diesen Anspruch würde er niemals formulieren. Ihm geht es eher darum, die Welt, so wie sie ist, begreifbar zu machen. Und auch: Orientierung zu bieten. Menschliches Miteinander, Menschlichkeit auszustellen.

Nicht zufällig findet Reimer Bull Mitte der 80er Jahre über Siegfried Lenz zum plattdeutschen Schreiben. Die Welt, wie Lenz sie in „So zärtlich war Suleyken“ fulminant entwirft, mit Jadwiga Plock, Hamilkar Schaß, Karl Kuckuck, Tantchen Arafa und wie sie alle heißen, diese Figuren, die Lenz „das unscheinbare Gold der menschlichen Gesellschaft“ nennt. Diese Welt ist abgeschlossen, sie ist vergangen, sie ist perspektivisch radikal reduziert – und doch sagen diese Geschichten mehr über die Mentalität der Menschen Masurens aus als jeder wissenschaftliche Wälzer.

Und vor allem: sie transportieren ein hohes Maß an Toleranz, an gegenseitiger Achtung, an Menschlichkeit, an Herzlichkeit. Nur hier kann ein Heiratsantrag in die unglaubliche Frage gegossen werden: „Willst“, sprach er, „Lakritz?“ Das weltabgeschiedene Suleyken als Modell für eine bessere Welt? Sicher nicht. Aber doch ein Lebensentwurf, über den es sich nachzudenken lohnt, auch wenn er dem Alltag der Gegenwart entrückt ist.

Wo wiet is de Horizont för ’n Minschen? Ik weet, dat is anners worrn in de letzten 20, 30 Johren, mit Iesenbahn, mit Auto, mit ’n Fleger: Mobilität. Dat aver gellt för de meisten vun Reimer Bull siene Geschichten noch nich. In de Tiet, vun de he vertellt, kaamt de Lüüd bloots af un an maal rut. Un denn geiht dat vun Marn in’n Kaiser-Wilhelm-Koog oder na Brunsbüttel – man nich na Hamborg, München oder Paris.

Für sein Gesellschaftspanorama wählt Reimer Bull einen bewusst eingeengten Blick: auf die kleinen Leute, das Private, das Vergangene, auf die Provinz. Gerade diese Beschränkung erlaubt es ihm aber – wie auch Lenz – zu allgemein gültigen Aussagen zu gelangen.

Wir können Reimer Bulls Geschichten in Büchern kaufen und lesen. Wir können sie aber auch hören. Und dieses Hören, das Sprechen und Hören ist sicherlich primär, da gibt es kaum poetisch verdichtete Sprache, nein, die Texte sind für die einmalige Aufnahme durch das Ohr bestimmt. Kein gedrechseltes Platt, sondern gesprochene Alltagssprache mit klar erkennbarer Marner Einfärbung. Auch hier beschränkt sich der Autor Reimer Bull: mit dem Effekt, dass seine Fähigkeiten besonders intensiv zum Tragen kommen.

Denn Reimer Bull ist der geborene Erzähler. Anfangs versuchte er sich in kurzen 5-Minuten-Geschichten im gängigen Rundfunk-Format. Doch bald schon wollte er sich damit nicht mehr zufrieden gegeben. Und so hat er für seine Vortragsveranstaltungen – wie teilweise auch für seine Bücher – die ursprünglichen Miniaturen zusammengebunden. Aus Hör-mal-’n-beten-to-Einheiten hat er komplexe Gebäude entwickelt, mit gezielt gesetzten Spannungsbögen.

In „Dat ool Huus“, nachzuhören auf der gerade herausgekommenen CD, gibt es eine Rahmenhandlung, in der der Ich-Erzähler einen alten Bekannten trifft, der ihm berichtet, dass sein Elternhaus zum Verkauf stehe. Das Ich gelangt an den Schlüssel und betritt nun nach vielen Jahren wieder das Haus seiner Kindheit. Und diese Begegnung ruft Erinnerungen wach. An Menschen, an Lebensverhältnisse, an Geräusche und Gerüche, an ganz konkrete Situationen und Stimmungen.

All dies Mosaiksteinchen, die der Erzähler in einer Art Spiraltechnik miteinander verbindet: die Handlung kommt ein Stück voran, dann erfolgt eine Schleife; wenn die zu Ende ist, kann die Handlung wieder ein Stück vorangehen, bis die nächste Schleife sich einstellt. Und je nach der zur Verfügung stehenden Zeit kann er die Zahl der Bögen variieren. Den Schlussakkord aber bildet auch hier ein Merksatz: Wat schall ik dat ole Huus kopen – ik hebb dat noch. – Und er meint damit: Ik kann mi dor noch op besinnen, dat Huus leevt noch in mien Gedanken, in mien Geschichten.

Nee, op dat Huus ut Mörtel un Steen kümmt dat gor nich an. Veel mehr Weert sünd – beter noch: nicht mit Geld to betahlen sünd de Erinnerungen. Heimat un To-Huus-Ween, dat speelt sik allens in’n Kopp af.

Ich hatte eingangs gesagt, es sind insbesondere zwei Talente, die Reimer Bull als Erzähler auszeichnen: sie betreffen den Bau seiner Geschichten und die Technik des mündlichen Vortrags. Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, Ihnen jetzt eine kleine Einführung in Reimer Bulls ganz spezielle Form der Präsentation von Texten zu geben.

Denn es ist ja so: allein durch seinen Vortrag schlägt dieser Mann seine Zuhörer in den Bann. Einfache Frage also: wie gelingt ihm das eigentlich?

Tja, leve Lüüd, wenn ik so op de Klock kiek, denn dücht mi: dat is ’n Saak, de schull ik eerst op de nächste Ehrung verkloren. Wenn ’t wedder so wiet is, denn vertellt ik geern wat över Reimer Bull as begnadeten Rhetoriker. Man dat he dat is, dat schall he glieks sülvst noch wiesen.

Besten Dank, dat Se so lang toluustert hebbt. Leve Herr Bull, noch maal vun Harten: Glückwunsch.


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