Alte Riesen als Zeugen der Vergangenheit

Sie gehören zu Dithmarschen wie Fördertürme zum Ruhrgebiet: Im weiten und windreichen grünen Ferienkreis an der Nordsee recken noch heute alte Windmühlen als Wahrzeichen von Dörfern ihre Flügel gegen den hohen Himmel.

Windmühle Edda, Hopen, St. Michaelisdonn

Windmühle Edda, Hopen, St. Michaelisdonn

 

Mit sturem Beharrungsvermögen haben sich die Dithmarscher schon immer für ihre Windriesen stark gemacht, auch, als deren Zeit eigentlich schon vorbei war: Der Wunsch, eine eigene Mühle zu besitzen, beflügelte in den 20er Jahren ungeahnte Fähigkeiten bei Bauer Peter Hinrich Pewe aus Dellstedt. Wenn die Bäuerin an Winterabenden in der warmen Stube die Stricknadeln klappern ließ, griff der Bauer zu Stockzirkel, Lochwinkel, Breitbeil und Stangenbohrer. Er riß Kammräder und Bogenstücke an, bohrte und stemmte – bis 1926 ein zierlicher Galerieholländer vorm Haus die Flügel drehte.


Knapp 60 Jahre später war die kleine schöne Mühle vom Zahn der Zeit fast weggenagt. Nur dem zähen Ringen Dellstedter Bürger ist es zu verdanken, daß sie wieder voll funktionsfähig ist. Mit sehr viel Eigenleistung, öffentlichen Fördermitteln und Spendenbereitschaft haben die Dellstedter die kleine Bauernwindmühle wiederbelebt.

Von Rudolf Lindemann im Dorf Barlt wird gesagt, er sei der letzte hauptberufliche Windmüller Norddeutschlands. Der Mittachtziger schmunzelt: Er und seine 123jährige Holländermühle "Ursula" seien wohl beide Kulturdenkmäler. Für Nachbarn schrotet "Ursula" noch Viehfutter. Irgendwann, hofft der alte Müller, wird er die stattliche Mühle in verantwortungsbewußte junge Hände geben, an einen "Sonntagsmüller", der bereit ist, sich dieses kostspielige Hobby aufzuhalsen. Bis dahin hält Lindemann zäh an seiner alten Dame fest.

Ein Dithmarscher war es, der 1960 die Notbremse zog: Der Obermeister der Dithmarscher Müllerinnung, Karl Seupke, stemmt sich mit der Gründung des "Vereins zur Erhaltung der Wind- und Wassermühlen in Schleswig-Holstein und Hamburg" gegen das große Mühlensterben. Es war fünf vor zwölf. Eben noch lebenswichtig für das tägliche Brot, waren die alten Riesen nun nur noch altmodisch, teuer, überflüssig. Viele wurden abgerissen, gingen in Flammen auf oder vergammelten schlichtweg. An ihre Stelle traten moderne, hochtechnisierte Fabriken.

Dem Häuflein Kulturbewußter rund um Müllermeister Seupke und ihren Nachfolgern gelang es mit Mühe, einige wenige Mühlen zu erhalten. Sie können allenfalls als Wohnungen, Museen, Gaststätten, Galerien überleben – oftmals nur attraktive Hohlkörper. Nicht nur ihr ständig Wind und Wetter ausgesetztes Äußeres, auch ihr kompliziertes Innenleben kann nur mit viel Geld erhalten werden – und Geld ist knapp.

Den letzten großen Kraftmaschinen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts droht nun ein erneutes, vielleicht unaufhaltsames "Mühlensterben" – es steht mal wieder fünf vor zwölf. In Zeiten allgemeiner Finanzknappheit sind öffentliche Geldquellen nahezu vollständig versiegt. Kaum ein Mühlenbesitzer ist jedoch imstande, die aufwendigen Erhaltungsarbeiten selbst zu bezahlen. Mehr denn je sind daher die alten Mühlen in Dithmarschen auf Hilfe durch Spenden und Sponsoring angewiesen. 


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