50 Jahre Kreis Dithmarschen

Vom "Nord-Süd-Denken" in die Zukunft

Die Kreise Norder- und Süderdithmarschen bilden seit der schleswig-holsteinischen Kreisreform am 26. April 1970 gemeinsam den Kreis Dithmarschen.

Als vor 50 Jahren der Kreis Dithmarschen entstand, waren daran viele Erwartungen geknüpft: Die moderne Verwaltung sollte das Leben der Menschen verbessern und Wirtschaft, Infrastruktur, Gesundheitsversorgung, Bildungseinrichtungen sowie soziale Entwicklungschancen fördern.
In den Anfängen galt es auch, das „Nord-Süd-Denken“ zu überwinden. Der Norden und der Süden wuchsen über die Jahre immer mehr zusammen.

Heute werden territoriale Grenzen überwunden mit überregionalen und internationalen Kooperationen. Herausforderungen wie der demografische Wandel, die Digitalisierung und der Klimawandel wachsen. Auch entwickelt sich die Wirtschaft stetig weiter: Dies betrifft neuere Branchen wie die Erneuerbare Energien oder den Tourismus genauso wie die traditionell in Dithmarschen verwurzelte Landwirtschaft und das Handwerk.

50 Jahre Kreis Dithmarschen: Auf dem Weg in die Zukunft. Foto: Kreis Dithmarschen

50 Jahre Kreis Dithmarschen: Auf dem Weg in die Zukunft. Foto: Kreis Dithmarschen

  • Aus zwei wird (wieder) eins

    Der Kreis Dithmarschen ist 50 Jahre jung. Aber die historischen Wurzeln der Grenzen des neuen Kreises reichen bis zur Bauernrepublik im Mittelalter. Bei der Entstehung des neuen Kreises 1970 berücksichtigte die Landesregierung die historischen Grenzverläufe um 1559.

    Kirchspiele: Wurzeln in der Bauernrepublik

    Seit 1434 entwickelte sich Dithmarschen zu einer unabhängigen Bauernrepublik.

    In der Bauernrepublik waren Kirchspiele unabhängige Verwaltungen. Sie wurden von Großbauern (Schlütern) regiert. Zu ihren Zuständigkeiten gehörten das Deichwesen, die Gerichtsgewalt, das Heer und die Feuerpolizei sowie Vertragsabschlüsse mit auswärtigen Mächtigen. Aus ihnen wurden später die Kirchspielslandgemeinden gebildet. Heute tragen noch die Ämter Kirchspielslandgemeinden Eider und Kirchspielslandgemeinde Heider Umland das historische Erbe in ihrem Namen.

    Bei der Schlacht bei Hemmingstedt von 1500 besiegten die Dithmarscher Bauern das dänisch-schleswig-holsteinische Heer. Jedoch unterlagen die Dithmarscher 1559. Das Gebiet wurde unter den Siegern aufgeteilt: Es gab einen königlich-dänischen Südteil, einen herzoglich-haderslebischen Mittelteil und einen herzoglich-gottdorfschen Nordteil. Der Mittelteil wurde 1581 zwischen Nord und Süd aufgeteilt.

    Seitdem bestand Dithmarschen aus zwei Teilen: Norderdithmarschen mit dem Hauptort Heide und Süderdithmarschen mit dem Hauptort Meldorf.

  • Verwaltung im Wandel

    Die Kreisgebietsreform in Schleswig-Holstein im Jahr 1970 sollte die Kreise fit für die Zukunft machen. Denn zuletzt wurde 1867 mit dem Übergang Schleswig-Holsteins an den Staat Preußen die Verwaltungsstruktur maßgeblich geändert.

    Reformgeist im Nachkriegsdeutschland

    Im Deutschland der 1960er und 1970er Jahre vertraten die Mehrheit der Verwaltungswissenschaftler*innen die Meinung: Größe und Form einer Gemeinde oder eines Kreises entscheiden über deren Handlungsfähigkeit. Diesen Ansatz verfolgte auch Schleswig-Holstein.
    Der Zuschnitt der damals eingeführten preußischen Kreise entsprach nach Auffassung der damaligen Landesregierung unter Ministerpräsident Helmut Lemke (CDU) nicht mehr den Anforderungen an eine moderne Verwaltung. Daher wollte man die Territorialgrenzen anpassen.

    Vom Gutachten zum Gesetz

    Eine Kommission unter Leitung von Dr. Wilhlem Loschelder (1900 bis 1989) erstellte ein Gutachten zur Neuordnung der Verwaltung in Schleswig-Holstein. Das Gutachten wurde im Herbst 1968 veröffentlicht. So sollten die 17 Kreise zu zwölf zusammengelegt werden.
    Das „Loschelder-Gutachten“ bildete die Grundlage für die landesweite Reform.
    Das „Zweite Gesetz einer Neuordnung von Gemeinde- und Kreisgrenzen sowie Gerichtsbezirken“ vom 23. Dezember 1969 trat am 26. April 1970 in Kraft.

    Schleswig-Holstein gliedert sich neu

    Die Gründe für eine Kreisgebietsreform waren vielfältig.
    Die damals 17 Land- und vier Stadtkreise unterschieden sich sehr in der Einwohner*innenzahl und Gemeindegröße. Ziel war es, die im Land bestehenden 1.374 Gemeinden (darunter 758 „Zwerggemeinden“ mit weniger als 500 Einwohner*innen) in den bestehenden Ämtern aufgehen zu lassen.

    Bei der Reform spielten der demografische Wandel und die sich verändernden Lebensverhältnisse der Einwohner*innen eine Rolle: Zum Beispiel zog die Bevölkerung vermehrt vom Land in die Städte. Es bildeten sich neue Wohn- und Wirtschaftszentren.
    Wachsende Aufgaben im öffentlichen Bereich und neue Gesetzgebungen auf Bundes- und Landesebene wiesen den Kreisen mehr Verantwortung zu.

    Mit der Fusion einzelner Landkreise sollten die Verwaltungen effizienter werden und sich mehr den Lebensverhältnissen der Bürger*innen anpassen. Auch hat sich die Reform zum Ziel gesetzt, die kommunale Selbstverwaltung sowie das Zusammenspiel von hauptamtlicher Verwaltung und ehrenamtlicher Selbstverwaltung zu fördern.

    Die Kreisverwaltung von Süderdithmarschen in Meldorf um 1960. Foto: Dithmarscher Landesmuseum

    Die Kreisverwaltung von Süderdithmarschen in Meldorf um 1960. Foto: Dithmarscher Landesmuseum


    Ämter und Gemeinden

    Während die Landesregierung für die Kreise die Zusammenschlüsse verordnete, setzte sie bei den Gemeinden und Ämtern auf Freiwilligkeit.

    Im Vergleich zu zum Beispiel Nordrhein-Westfalen und Niedersachen verzichtete Schleswig-Holstein auf „Großgemeinden“ mit mindestens 10.000 Einwohner*innen.

    Kreis Dithmarschen im Vergleich 1970 und 2020

    1970
    Fünf amtsfreie Städte
    eine amtsfreie Landgemeinde, eine hauptamtlich verwaltete amtsangehörige Gemeinde und 110 Landgemeinden in 12 Kirchspielen

    2020
    Zwei amtsfreie Städte
    111 Gemeinden und drei Städte werden verwaltungsgemäß in sechs Ämtern zusammengefasst (davon werden zwei Ämter hauptamtlich geleitet)

    Schleswig-Holstein: Aus 17 werden 11

    Die Gebietsreform in den Jahren 1970 und 1974 betraf folgende Kreise in Schleswig-Holstein.
    Bei der ersten Kreisreform am 26. April 1970 fusionierten

    • Die Kreise Norder- und Süderdithmarschen zum Kreis Dithmarschen,
    • die Kreise Eiderstedt, Husum und Südtondern zum Kreis Nordfriesland,
    • die Kreise Rendsburg und Eckernförde zum Kreis Rendsburg-Eckernförde
    • sowie die Kreise Oldenburg/Holstein und Eutin zum Kreis Ostholstein.

    Bei der zweiten Kreisreform fusionierten zum 24. März 1974

    • die Kreise Schleswig und Flensburg Land zum Kreis Schleswig-Flensburg.
  • Die Gründungszeit

    Es gab vielfältige Herausforderungen in der Gründungszeit des neuen Kreises Dithmarschen: In der Bevölkerung und Politik gab es ein ausgeprägtes „Nord-Süd-Denken“. Außerdem unterschieden sich beide Kreise in ihren thematischen Schwerpunkten und ihrer Verwaltungsstruktur.

    Weder Norder- noch Süderdithmarschen sollten Nachteile aus der Kreisfusion erhalten.

    So wurde Heide zur Kreisstadt. Aber Meldorf wurde zum Sitz des Amtsgerichts. Der erste Landrat des neuen Kreises Karl-Heinrich Buhse kommt aus dem ehemaligen Süderdithmarschen. Und der erste Kreispräsident Hermann Glüsing stammt aus Norderdithmarschen.

    Die Tafel am Amtsgericht in Meldorf erinnert an den ehemaligen Sitz der Süderdithmarscher Kreisverwaltung. Foto: Kreis Dithmarschen

    Die Tafel am Amtsgericht in Meldorf erinnert an den ehemaligen Sitz der Süderdithmarscher Kreisverwaltung. Foto: Kreis Dithmarschen

    Wer wird Kreisstadt: Heide oder Meldorf?

    Um den Standort der Kreisverwaltung konkurrierten Heide (Norderdithmarschen) und Meldorf (Süderdithmarschen).
    Beide Städte wiesen verschiedene Qualitäten auf: Heide war groß und bevölkerungsstark, besaß eine gute Verkehrsinfrastruktur und war Zentrum für zahlreiche Behörden. Meldorf bewarb sich vor allem aufgrund seiner historischen Bedeutung als ehemaliger Hauptort der Bauernrepublik. Ebenfalls schien die Kreisverwaltung für Meldorf als Arbeitgeberin unverzichtbar. Auch wurde das Kreishaus damals erst erweitert.

    Der Landtag entschied sich im „Zweiten Gesetz einer Neuordnung von Gemeinde- und Kreisgrenzen sowie Gerichtsbezirken“ vom 23. Dezember 1969 für Heide als Kreisstadt.

    Meldorf wurde dafür zum Sitz des Amtsgerichts für ganz Dithmarschen. Die Amtsgerichte in Brunsbüttel, Heide, Marne und Wesselburen wurden aufgehoben.

    Übergabe der Tischglocke an das Landesmuseum: Auf der letzten Sitzung des Süderdithmarscher Kreistages am 31. März 1970 überreicht der damalige Kreispräsident Ernst Schoof (CDU) an den damaligen Leiter des Dithmarscher Landesmuseums Dr. Nis R. Nissen die Tischglocke. Die Glocke befindet sich heute im Kellermagazin des Landesmuseums. Foto: Dithmarscher Landesmuseum

    Übergabe der Tischglocke an das Landesmuseum: Auf der letzten Sitzung des Süderdithmarscher Kreistages am 31. März 1970 überreicht der damalige Kreispräsident Ernst Schoof (CDU) an den damaligen Leiter des Dithmarscher Landesmuseums Dr. Nis R. Nissen die Tischglocke. Die Glocke befindet sich heute im Kellermagazin des Landesmuseums. Foto: Dithmarscher Landesmuseum


    Erste Sitzung ebnet den Weg


    Der neue Kreistag tagte erstmalig am 11. Mai 1970 im Sitzungssaal der Landwirtschaftsschule in Heide.

    Hermann Glüsing, Kreispräsident von 1970 bis 1981 Foto: Kreis Dithmarschen

    Hermann Glüsing, Kreispräsident von 1970 bis 1981 Foto: Kreis Dithmarschen


    Hermann Glüsing (CDU) wurde zum ersten Kreispräsidenten des neuen Kreises gewählt. Seine Amtszeit währte vom 11. Mai 1970 bis zu seinem Tod am 25. September 1981. Davor war er Kreistagsabgeordneter des Kreises Norderdithmarschen sowie Landrat vom 16. November 1948 bis 13. April 1950 im Kreis Norderdithmarschen.

    Hermann Glüsing hob in seiner Antrittsrede hervor, eine der wichtigsten Aufgaben des neuen Dithmarscher Kreises sei es, dass das bisherige „Nord-Süd-Denken“ in Vergessenheit gerate. Ein gemeinsamer Kreistag würde auch zunächst finanzielle und räumliche Herausforderungen bedeuten. Er sprach einen Neubau an und setzte sich zum Ziel, regionale Probleme und Unterschiede zu beheben.

    Die Hauptsatzung des neuen Kreistages wurde verabschiedet.

    Landratswahl – Keine Ausschreibung

    Auf der Tagesordnung des ersten Kreistages stand auch ein Grundsatzbeschluss über die Ausschreibung der Stelle des neuen Landrats. So wurde beschlossen, dass die Stelle nicht ausgeschrieben wird. Stattdessen sollte einer der bisherigen Landräte der ehemaligen Kreise Norder- und Süderdithmarschen neuer Landrat werden.

    Nach dem Landesgesetz zur Neuordnung von Gemeinde- und Kreisgrenzen sowie Gerichtsbezirken wurden die Landräte der ehemaligen Kreise in den vorzeitigen Ruhestand versetzt.
    Da Landrat Carl Hannemann aus dem Norden nur noch zwei Jahre hätte amtieren können, entschied sich der Kreistag für Landrat Karl-Heinrich Buhse aus dem Süden.

    Karl-Heinrich Buhse, Landrat von 1970 bis 1986 Foto: Kreis Dithmarschen

    Karl-Heinrich Buhse, Landrat von 1970 bis 1986 Foto: Kreis Dithmarschen


    Karl-Heinrich Buhse wurde am 29. Mai 1970 zum Landrat gewählt und hatte das Amt bis 1986 inne. Buhse appellierte in seiner Antrittsrede, dass die vorliegenden Aufgaben groß seien und vor allem Herausforderungen im Strukturwandel bestehen würden. Die Aufgaben müssten bei ihrer Schwierigkeit mit Optimismus angepackt werden.


    Vorteile der Kreisfusion: Vereinte Stärken

    Der neue Kreis Dithmarschen hatte zahlreiche Aufgaben zu bewältigen: Wie die wirtschaftliche und infrastrukturelle Entwicklung, die Förderung der Bildungseinrichtungen sowie die Schaffung sozialer Gleichheit.

    Eigene Initiativen und Stärken der Kreise Süder- und Norderdithmarschen vereinten sich im neuen Kreis. Ein Schwerpunkt Norderdithmarschens lag in der Schaffung eines modernen Krankenhauses. Süderdithmarschen rückte den Ausbau des Jugendamtes und die Betreuung von Menschen mit Behinderung in den Fokus.

    Landrat Buhse

    Zum Beispiel kam die Erfahrung des Kreises Süderdithmarschen der Weiterentwicklung des Jugendamtes zu Gute. Im Süden wurden bereits Kinder und Jugendliche, die nicht bei ihrer Herkunftsfamilie aufwachsen können, in Pflegefamilien statt in Heime vermittelt. Den aufnehmenden Familien wurde neben materieller Unterstützung auch Hilfe bei täglichen Problemen angeboten. Schulungen bereiteten die Pflegeeltern auf die Aufnahme der Kinder vor. Das „Dithmarscher Modell“ fand bundesweit Beachtung.

    Die Anfänge schufen die Basis für weitere Entwicklungen:
    Die Schaffung eines modernen Krankenhauses (Westküstenkliniken), die Zusammenlegung der Berufsschulen (BerufsBildungsZentrum Dithmarschen) und die schulische sowie berufliche Betreuung von Menschen mit Behinderung (Stiftung Mensch).

    Wiedereinführung des MED-Kennzeichens

    Für viele Dithmarscher*innen ist der ehemalige Kreis Süderdithmarschen stets in guter Erinnerung geblieben. So bewilligte das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur 2015 die Wiedereinführung des MED-Kennzeichens, das ehemalige Kfz-Kennzeichen des Kreises Süderdithmarschen (MED steht für Meldorf als ehemalige Kreisstadt Süderdithmarschens). Alle Kfz-Halter*innen in Dithmarschen haben fortan die Wahl: HEI oder MED.

  • Kreishaus: symbolisch und funktional

    Die neue Verwaltung mit mehr Personal brauchte Platz. In den ersten Jahren des neuen Kreises Dithmarschen arbeiteten die Beamt*innen und Beschäftigt*innen an 14 Standorten in Heide und Meldorf.

    Der Kreis verkaufte das Kreishaus in Meldorf an das Land. Dieses Gebäude wurde zu einem Gericht erweitert. Der Immobilienverkauf verschaffte dem Kreis einen Teil der Mittel für den Neubau der Kreisverwaltung.

    Das Kreishaus wurde 1974 eingeweiht. Foto: Kreis Dithmarschen

    Das Kreishaus wurde 1974 eingeweiht. Foto: Kreis Dithmarschen


    Der Neubau des Kreishauses entstand zwischen 1972 bis 1974. Die Einweihung war am 19. Juni 1974.

    Der Entwurf stammt vom Architekten Into Pyykkö aus Helsinki.
    Die vier nach außen gewölbten Büroflügel sind um einen Erschließungskern geordnet. Dieser Komplex ruht auf einem quadratischen Sockelgeschoss.

    Das Gebäude im Stil der klaren Formsprache der internationalen Moderne im ausgehenden 20. Jahrhundert besaß eine symbolische Bedeutung: Die Architektur sollte auf den Sitz einer „Kreis“-Verwaltung hinweisen, die sich den Bürger*innen öffnet.

    Das Kreishaus in Heide wurde am 26. Juni 2017 aus geschichtlichen, städtebaulichen und künstlerischen Gründen in die Denkmalliste des Landes Schleswig-Holstein eingetragen.

    Fakten

    Die Kuppel im Foyer des Kreishauses Foto: Kreis Dithmarschen

    Die Kuppel im Foyer des Kreishauses Foto: Kreis Dithmarschen

    Höhe: 36,55 Meter
    Quadratmeter: 11.509 Quadratmeter Nutzfläche insgesamt
    Erdgeschoss, 8 Stockwerke, Keller
    Insgesamt rund 200 Räume, pro Etage rund 21 Büros. Im Keller sind die Garage und Lagerräume.

    Neben Büros gibt es Besprechungsräume, eine Kantine und den Kreistagssitzungssaal.

  • Wappen

    Der 1970 gegründete Kreis Dithmarschen übernahm das heutige Reiterwappen.

    Das Reiterwappen des Kreises Dithmarschen vereint Motive der Wappen der ehemaligen Kreise Norder- und Süderdithmarschen. Foto: Kreis Dithmarschen

    Das Reiterwappen des Kreises Dithmarschen vereint Motive der Wappen der ehemaligen Kreise Norder- und Süderdithmarschen. Foto: Kreis Dithmarschen


    Es kombiniert Motive aus den Wappen der Kreise Norderdithmarschen und Süderdithmarschen: Beide Wappen zeigten den gepanzerten Reiter auf weißem Pferd. Vom Motiv des Kreises Norderdithmarschen wurde der erhobene Pferdeschweif und von Süderdithmarschen der einheitlich rote Hintergrund übernommen.

  • Ein Gemälde auf Reise

    Das Wandgemälde „Die Schlacht bei Hemmingstedt“ vom Berliner Historienmaler Max Friedrich Koch (1859-1930) von 1910 ist ein Zeuge von 50 Jahre Kreisgeschichte. In den vergangenen Jahrzehnten bereiste das Panoramabild (Öl auf Leinwand, 280 x 700 cm) verschiedene Stationen in Meldorf – bis es seinen aktuellen Platz im Heider Kreistagssitzungssaal fand.

    Das Ölgemälde gab der ehemalige Kreis Süderdithmarschen für den großen Sitzungssaal im Melder Landratsamt in Auftrag.

    Die letzte Sitzung des Kreises Süderdithmarschen: Im Hintergrund ist das Wandgemälde "Die Schlacht von Hemmingstedt" von Max Friedrich Koch zu sehen. Foto: Dithmarscher Landesmuseum

    Die letzte Sitzung des Kreises Süderdithmarschen: Im Hintergrund ist das Wandgemälde "Die Schlacht von Hemmingstedt" von Max Friedrich Koch zu sehen. Foto: Dithmarscher Landesmuseum


    Von 1911 bis 1970 hing das Werk im Sitzungssaal der Süderdithmarscher Kreisverwaltung.

    Nach der Kreisreform zog das Amtsgericht in das Gebäude und übernahm das Gemälde. Als das Gericht umgebaut wurde, wanderte es 1978 in den Besitz des Dithmarscher Landesmuseums. Dort wurde es in den "patriotischen Raum" integriert, der sich mit der Kaiserzeit und den Weltkriegen befasste - heute befindet sich an dieser Stelle der historische Kinosaal des Landesmuseums. Bei Umbau- und Restaurierungsarbeiten im Landesmuseum wurde das Bild 1989 von der Wand genommen und archiviert. Anlässlich der Sonderausstellung zur 500-Jahrfeier der Schlacht bei Hemmingstedt wurde es 2000 noch einmal ausgestellt und anschließend wieder im Museumsarchiv verwahrt.

    Auf Initiative des Dithmarscher Kreistages fand es 2015 nach kleineren Ausbesserungsarbeiten seinen Weg in den Kreistagssitzungssaal des Heider Kreishauses.

    Das Gemälde von Max Friedrich Koch hängt heute im Dithmarscher Kreistagssitzungssaal. Foto: Kreis Dithmarschen

    Das Gemälde von Max Friedrich Koch hängt heute im Dithmarscher Kreistagssitzungssaal. Foto: Kreis Dithmarschen

    Panorama der Geschichte(n)

    In einem Panoramaausschnitt hält das Werk die Schlacht von Hemmingstedt fest: Während von links das adelige Heer mit der Großen Garde unter der Führung von Junker Sientz heranrückt, formieren sich rechts auf der Schanze die Dithmarscher unter Anfeuerung durch Telse von Hochwöhrden mit der Marienfahne zum Widerstand. Unterhalb der Schanze macht sich Wulf Isebrand zum Zweikampf mit dem Söldnerführer bereit. Der Zeit entsprechend ist das Geschehen in naturalistischer, pathetisch überhöhter Form wiedergegeben.

    Ausschnitt aus dem Wandgemälde Foto: Kreis Dithmarschen

    Ausschnitt aus dem Wandgemälde Foto: Kreis Dithmarschen
  • Kooperationen: Grenzen überwinden

    Dank der interkommunalen Zusammenarbeit, Digitalisierung und überregionalen Kooperationen sucht der Kreis heute flexibel nach dem Verbindenden auf verschiedenen Ebenen – und überwindet territoriale Grenzen.

    Kreis Dithmarschen: Region in Europa Foto: Kreis Dithmarschen

    Kreis Dithmarschen: Region in Europa Foto: Kreis Dithmarschen


    Metropolregion Hamburg:
    Seit dem 1. Dezember 2005 ist der gesamte Kreis Dithmarschen Mitglied in der Metropolregion Hamburg. Davor war der Kreis lediglich mit dem Wirtschaftsraum Brunsbüttel an der Kooperation beteiligt. Ziel ist die gemeinsame Bewältigung politischer, wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Herausforderungen durch die länderübergreifende Zusammenarbeit. Der Metropolregion Hamburg gehören über 1.000 Orte, 20 Kreise sowie kreisfreie Städte, vier Länder sowie Wirtschafts- und Sozialverbände der Metropolregion an.

    Regionale Kooperation Westküste:
    Die Regionale Kooperation Westküste ist ein Zusammenschluss der Kreise Nordfriesland, Dithmarschen, Steinburg und Pinneberg, der Industrie- und Handelskammern zu Kiel und zu Flensburg sowie der Wirtschaftsförderungsgesellschaften der Kreise (Entwicklungsgesellschaft Brunsbüttel mbH, WEP Wirtschaftsförderungs- und Entwicklungsgesellschaft des Kreises Pinneberg mbH, Wirtschaftsförderungsgesellschaft Nordfriesland mbH). Sie entstand Mitte 2012 unter dem Namen „Regionale Kooperation A23/B5“ und wurde 2015 in „Regionale Kooperation Westküste“ umbenannt. Ziel der Kooperation ist es, die Wirtschaftsstruktur der Region entlang der Entwicklungsachse A23/B5 nachhaltig zu stärken.

    Wadden Sea Forum:
    International engagiert sich der Kreis Dithmarschen seit 2008 im Wattenmeer-Forum (Wadden Sea Forum / WSF) zum Schutz des Unesco-Weltnaturerbes Wattenmeer. Das unabhängige Forum von Interessenvertreter*innen aus den drei Wattenmeerregionen Dänemark, Deutschland und den Niederlanden besteht seit 2002. Die Organisation strebt eine nachhaltige Entwicklung der Region in Kooperation mit den internationalen Partnern an.

    Beispiele für die interkommunale Zusammenarbeit:

    Bußgeldstelle:
    Für den Kreis Steinburg werden seit dem 1. Januar 2010 sämtliche Ordnungswidrigkeiten bearbeitet. Für den Kreis Rendsburg-Eckernförde übernimmt der Kreis Dithmarschen seit dem 1. Januar 2013 die Sonstigen Ordnungswidrigkeiten.

    Rechnungs- und Gemeindeprüfungsamt:
    Die Kreise Dithmarschen und Steinburg haben ein gemeinsames Rechnungs- und Gemeindeprüfungsamt etabliert.

    Bus-ÖPNV und Schülerbeförderung:
    Die Aufgaben übertrug der Kreis Dithmarschen seit dem 1. September 2015 auf die SVG Südwestholstein ÖPNV-Verwaltungsgemeinschaft, die als Stabsstelle beim Kreis Pinneberg angesiedelt ist. Diese nimmt die Aufgabe Bus-ÖPNV zusätzlich zu den Kreisen Pinneberg und Dithmarschen auch für den Kreis Segeberg wahr.

    Kooperative Rettungsleitstelle Elmshorn (KRLS):
    Die damals gemeinsame Rettungsleitstelle, seit 2010 die Kooperative Rettungsleitstelle, wird bereits seit 2001 gemeinsam mit dem Kreis Steinburg und dem Kreis Pinneberg unter der Verantwortung des Kreises Pinneberg betrieben.

    Rettungsdienstkooperation in Schleswig-Holstein (RKiSH):
    Seit Dezember 2004 gibt es die RKiSH der Kreise Dithmarschen, Steinburg, Pinneberg, Rendsburg-Eckernförde und Segeberg.

  • Interview: Landrat a.D. Karl-Heinrich Buhse

    Karl-Heinrich Buhse, geboren im Jahr 1932 in Kiel, war der erste Landrat des Kreises Dithmarschen vom 29. Mai 1970 bis 31. März 1986. Vor der Kreisgebietsreform war der Jurist vom 1. März 1967 bis 25. April 1970 Landrat des Kreises Süderdithmarschen.
    Seit 1974 war Buhse Vorsitzender des Schleswig-Holsteinischen Landkreistages, von 1978 bis 1984 Präsident des Deutschen Landkreistages. Nach seiner Tätigkeit als Landrat wurde er Vorstandsmitglied der Schleswag.

    Karl-Heinrich Buhse schildert, wie sich aus ehemaligen Konkurrenten ein leistungsfähiger Kreis mit gemeinsamen Zielen entwickeln konnte – frei nach dem Motto „Packen wir’s an“. Heute hält Buhse die Kreisgebietsreform für gelungen.

    Karl-Heinrich Buhse im Juni 2020. Foto: Privat

    Karl-Heinrich Buhse im Juni 2020. Foto: Privat

    Das Land hat die Kreisreform beschlossen. Welches Mitspracherecht hatten die Kreise dabei?

    Ein förmliches Mitspracherecht - also eine unmittelbare Einflussnahme auf den Landtag als Gesetzgeber - hatten die Kreise nicht. Dennoch hatten sie zahlreiche Möglichkeiten, auf die Abgeordneten und die Regierung einzuwirken. Eine Kommission von Sachverständigen, deren Ergebnisse 1968 unter dem Namen „Loschelder-Gutachten“ veröffentlicht wurden, schlug anstelle der seit 1866 bestehenden 17 Kreise und vier kreisfreien Städte künftig zwölf Landkreise und vier Stadtkreise vor.

    Wie wurden die Beschlüsse auf Kreisebene diskutiert?

    Eine speziell dafür berufene Kommission der Landesregierung bereiste alle Kreise, um die Aufnahme der Vorschläge zu erkunden und zu diskutieren. Der amtierende Innenminister Dr. Schlegelberger stellte sich in zahlreichen Kreispräsidenten- und Landrätekonferenzen immer wieder der Diskussion. Auf besonders heftigen Widerstand stieß er wegen der geplanten Zusammenlegung der Kreise Oldenburg und Plön, sowie Flensburg-Land und Schleswig.

    Dazu eine Anekdote: Als wir uns nach Abschluss einer solchen Besprechung zu einem Gruppenfoto aufstellten und der Minister vor uns stand, meinte ein Kollege aus dem Hintergrund: „Herr Minister, jetzt stehen wir jedenfalls alle hinter ihnen!“ Die Antwort des Ministers: „Das ist sehr schön, aber bei der gegenwärtigen Lage im Landtag wäre es mir lieber, wenn sie alle vor mir stünden.“

    Wie wurde dieser Beschluss vom Land in Dithmarschen aufgenommen: gab es eher Proteste, Kritik oder auch Zustimmung?

    Wie bei allen Gesetzen zur Lösung komplizierter Fragen gab es von allem etwas, wobei förmliche Proteste, etwa durch Versammlungen und Demonstrationen, ausblieben. Kritik in der beliebten Form: „Was soll das alles?“ wurde häufig, gezielte Kritik gegen einzelne Sachverhalte selten geäußert.

    Es gab auch Zustimmung. Ausdrücklich geäußert wurde sie von einem geschichtsbewussten Dithmarscher: „Endlich ist das Unrecht von 1559 aus der Welt geschafft!“ In diesem Jahr hatten die Dithmarscher den Eroberungskrieg des dänischen Königs und des Herzogs von Holstein verloren und die Sieger teilten sich Dithmarschen auf.

    Die Kommunalpolitiker fanden sich schnell mit den neu geschaffenen Realitäten ab. Proteste gab es keine, sondern vielfache Bemühungen, sich auf die Arbeit im neuen Kreis einzustellen.

    Wie stark war das „Nord-Süd-Denken“ ausgeprägt?

    Extrem stark, wie schon die schwierige Auswahl des künftigen Führungspersonals zeigte. Aber nicht nur die Politik, sondern die gesamte Bevölkerung war so stark „nord-süd orientiert“, dass die Auswirkungen noch bis heute zu spüren sind.
    Als ich 1962 als vom Land abgeordneter Beamter meinen Dienst beim Kreis Süderdithmarschen antrat, wurde mir Norderdithmarschen fast so geschildert, als handele es sich um „feindliches Ausland“. Eine Zusammenarbeit gab es nicht.

    Ein Beispiel: Nach meiner Wahl zum Landrat des Südkreises musste ich die Lösung für die den Kreistag seit vielen Jahren immer wieder ergebnislos beschäftigende Frage nach dem Standort für den Neubau eines modernen Krankenhauses suchen. Mit meinem Norderdithmarscher Kollegen Hannemann handelte ich eine Vereinbarung aus, deren Hauptpunkt die Errichtung von etwa hundert zusätzlichen Betten am modernen Heider Kreiskrankenhaus auf Kosten des Kreises Süderdithmarschen vorsah. Dieser Vorschlag scheiterte damit bereits im Kreisausschuss. Eine Zusammenarbeit schien undenkbar.

    Wie erlebten Sie die erste Sitzung des neuen Dithmarscher Kreistages bzw. auch die letzte Sitzung des Kreistages in Süderdithmarschen? Gab es mehr Wehmut oder Aufbruchsstimmung?

    Nach meinem Eindruck herrschte bei der letzten Sitzung des Kreistages Süderdithmarschen eindeutig eine wehmütige Stimmung. Man wusste, was man hatte und konnte nicht wissen, wie es weitergehen würde. Persönlich ging es mir ebenso. Dass sich keine rechte Aufbruchsstimmung entwickeln konnte, hing sicherlich auch mit dem ausgeprägten „Nord-Süd-Denken“ zusammen.
    Meine Aufnahmefähigkeit für herrschende Stimmungen bei der ersten von mir erlebten Sitzung des Kreistages Dithmarschen war begrenzt. Der Grund dafür war, dass meine eigene Wiederwahl auf dem Programm stand. Eine begeisterte Aufbruchsstimmung herrschte sicher nicht. Nüchtern, wie es der Dithmarscher Art entspricht, ging es eher um ein gemeinsames Streben: „Packen wir`s an!“

    Was waren aus Ihrer Sicht damals die größten Herausforderungen für den neuen Kreis, die gemeistert wurden?

    Die erste Herausforderung bestand in der Tatsache, dass zwei sehr unterschiedlich geprägte Kreisverwaltungen an zwei verschiedenen Orten zu einer handlungsfähigen Einheit in Heide zusammengefügt werden mussten.

    Worin bestanden wesentliche Unterschiede zwischen den Kreisen?

    Die Organisationseinheiten der beiden Kreise unterschieden sich aufgrund der für alle Kreise geltenden Vorschriften zwar kaum, wohl aber der Führungsstil und die von den Kreisen selbst gewählten Aufgabenschwerpunkte: Der Norden hatte viel Kraft und Geld in sein modernes Krankenhaus investiert; der Süden viel Energie in den Ausbau des Jugendamts, der Sozialarbeit und der Betreuung von Menschen mit Behinderung gesteckt. Hier galt es, die jeweils beste Lösung für den gesamten Kreis nutzbar zu machen.

    Wie wurden die zwei Verwaltungen zu einer zusammengeführt?

    Zuvor mussten viele schwierige Personalfragen gelöst werden, denn aus der ähnlichen Verwaltungsstruktur ergab sich eine Doppelbesetzung nahezu aller Führungspositionen. Die jeweils fähigsten Köpfe mussten ausgewählt und bei alledem durfte keine der beiden zusammengefügten Mannschaften benachteiligt werden.
    Die Unterbringung der gesamten Verwaltung in Heide verursachte Probleme. Eine endgültige Lösung wurde erst mit dem Neubau eines Kreisverwaltungsgebäudes gefunden.

    Welche einschneidenden Neuerungen für die Verwaltung brachte die Kreisfusion mit sich?

    Seit der Vollendung der Zusammenführung der beiden Kreisverwaltungen verfügt Dithmarschen über eine leistungsfähige, moderne und in manchen Funktionen sogar preisgekrönte Verwaltung. Probleme können großräumiger angepackt und gelöst werden.

    Hier kann man aus den zahlreichen Beispielen nur wenige auswählen:
    Ein Beispiel dafür ist das Gesundheitswesen: Die jahrelang in Süderdithmarschen nicht gelöste Frage der Schaffung eines modernen Krankenhauses wurde im neuen Gesamtkreis sehr schnell durch die Entscheidung für eine Erweiterung des Klinikums in Heide und für den Neubau eines Krankenhauses in Brunsbüttel gelöst. Dieser Neubau war ein Zeichen für die verstärkte Mitwirkung des Kreises bei der Entwicklung des dort neu entstehenden Industriegebiets.
    Die in beiden Kreisen vorhandenen Berufsschulen konnten ihre Leistungen durch die Zusammenlegung erheblich steigern.
    Die bestehenden beruflichen Ausbildungsmöglichkeiten – Gillmeister-Schule, Technikerschule, Meisterlehrwerkstatt – wurden fortlaufend den geänderten Bedingungen angepasst und entwickelten sich zu vielfältigen, vorbildlichen schulischen Ausbildungsmöglichkeiten. Die Kreisstadt entwickelte sich zu einem Bildungszentrum, an dem als letzter Schritt die Fachhochschule Westküste entstand.

    Der hohe Standard des Jugendamtes im Südkreis wurde auf den gesamten Kreis übertragen. Das Gleiche gilt für die schulische und berufliche Betreuung von Menschen mit Behinderung, die heute von der „Stiftung Mensch“ wahrgenommen wird.

    Größere, leistungsfähigere Einheiten entstanden durch die Zusammenlegung der Kreisfeuerwehr-, Wegeunterhaltungs- sowie Deich-und Hauptsielverbände. Der dadurch verbesserte Katastrophenschutz bestand seine Bewährungsprobe bei der Sturmflut 1976 und der Schneekatastrophe 1979.

    Aber das Wichtigste zum Schluss: Trotz des Fortbestandes eines Nord-Süd-Denkens: Die Dithmarscher Bürgerinnen und Bürger schätzen ihren „neuen“ Kreis und bekennen sich zu ihm durch häufiges Zeigen der Kreisflagge. Deshalb bin ich davon überzeugt: Die Gebietsreform 1970 ist in Dithmarschen gelungen.

  • Interview: Kreispräsidentin Ute Borwieck-Dethlefs

    Im Jahr 1960 in Heide geboren und aufgewachsen ist Ute Borwieck-Dethlefs (CDU) verwurzelt in der heutigen Kreisstadt. Seit 1994 engagiert sich Ute Borwieck-Dethlefs im Kreistag und wurde am 28. Juni 2018 zur Kreispräsidentin gewählt. Als Kreistagsabgeordnete hat die Sozialpädagogin bis zu ihrer Wahl zur Kreispräsidentin über 15 Jahre den Jugendhilfeausschuss geleitet. Daneben ist sie unter anderem Vorsitzende im Kuratorium der Stiftung Mensch.

    Für die Kreispräsidentin zeichnet die Identifikation mit der Region in Verbindung mit der Aufgeschlossenheit für Neues die Dithmarscher*innen heute aus. Daraus sei ein starker Zusammenhalt gewachsen.

    Kreispräsidentin Ute Borwieck-Dethlefs Foto: Kreis Dithmarschen

    Kreispräsidentin Ute Borwieck-Dethlefs Foto: Kreis Dithmarschen

    Haben Sie noch Erinnerungen als Kind an die Kreisgebietsreform 1970?

    Ich war noch sehr jung und habe nicht so viel davon mitbekommen. Woran ich mich aber besonders erinnere, ist die Diskussion um die Kreisstadt: Meldorf oder Heide – das war ein großes Thema.
    Es war sicherlich für viele Süderdithmarscher*innen schwer: die neue Kreisstadt wurde Heide, das Autokennzeichen MED war weg. Wie tief die Wunde bei einigen saß, zeigte zum Beispiel die große Welle des Engagements zur Wiedereinführung des MED-Kennzeichens im Jahr 2015. Das Schöne daran ist: Alle Dithmarscher*innen können heute als Wunschkennzeichen MED beantragen.

    Welches Ereignis in der Kreispolitik in den vergangenen 50 Jahren hat Sie besonders bewegt, das insbesondere auch den Zusammenhalt der Dithmarscher*innen erforderte?

    Dazu fällt mir zunächst die Diskussion um die Kreisgebietsreform 2007 ein. Nach dem Wunsch der Landesregierung sollte Dithmarschen mit Steinburg fusionieren. Die Dithmarscher*innen standen zusammen. Der Bürgerprotest zeigte dann ja auch Wirkung.
    Ich erinnere mich noch gut an eine Veranstaltung mit dem damaligen Ministerpräsidenten Peter Harry Carstensen in Meldorf. Schon vor dem Eingang erwartete ihn eine große Protestwelle. In seiner Rede zeigte er sich dann sichtlich getroffen und betroffen.

    Mein Vorgänger Kreispräsident a. D. Karsten Peters hat in dieser Zeit für mich noch einmal die Rolle und Aufgabe des Amtes „Kreispräsident*in“ sehr deutlich gemacht und vorbildlich erfüllt.
    Es geht in diesem Amt neben den repräsentativen Aufgaben vor allem darum, politisch und zugleich unparteiisch die Interessen des Kreises Dithmarschen gegenüber der Landes- und auch Bundesregierung zu vertreten, Netzwerke zu knüpfen und auf Herausforderungen aufmerksam zu machen.

    Denken Sie, dass die Verwaltungsreform 1970 auch dazu beitrug, dass letztendlich 2007 die Kreisgebietsreform verworfen wurde?

    Ja. Ich glaube, dass zwei kleine Kreise, zumal diese sich traditionell auch sehr voneinander unterschieden hatten, 2007 keine Chance gehabt hätten, eine Kreisfusion mit Steinburg zu verhindern. Nur gemeinsam konnten wir die Selbständigkeit erhalten.

    Welche Vorteile und Herausforderungen brachte die Kreisfusion mit sich?

    Gemeinsam sind wir stärker. Wir brauchen diese vereinte Kraft, um Dithmarschens Zukunft zu gestalten. Schließlich werden die Herausforderungen komplexer: Ob der demografische Wandel, die Stärkung der Wirtschaft und Bildung oder der Klimaschutz. Diese Aufgaben machen nicht vor Gemeinde- oder Kreisgrenzen halt. Auch wenn diese Zukunftsthemen uns alle betreffen, sind dazu Vor-Ort-Lösungen gefragt: Die Herausforderungen für den Industriestandort Brunsbüttel unterscheiden sich zum Teil beispielsweise von denen eines ländlichen Zentralortes wie die Gemeinde Lunden. Es ist nicht immer leicht, allen Interessen gerecht zu werden. Wir sind ein Kreis, bleiben aber emotional unserer Gemeinde oder Stadt verbunden.

    Worin sehen Sie besonderes Potential für Dithmarschens Zukunft?

    In erster Linie glaube ich, dass in unserem Zusammenhalt ein großes Potential besteht. Nicht nur in der Corona-Krise haben die vielen Initiativen und privaten Hilfeangebote bewiesen, wie sehr wir einander unterstützen. Als Kreispräsidentin lerne ich viele engagierte Bürger*innen kennen, die sich im Verein oder der Gemeinde für ihre Mitmenschen einsetzen. Wir besitzen in Dithmarschen ein vielfältiges und qualitativ hochwertiges Angebot an ehrenamtlichem Engagement.

    Unsere Region besitzt vielfältiges Potential: Ob im Tourismus, in der Landwirtschaft, den erneuerbaren Energien oder der Bildung. Dabei sind auch die Unterschiede unsere Stärke: Wir vereinen Internationalität, Forschung und Innovationen mit Tradition und einer reichen Geschichte sowie einer vielseitigen Landschaft und dem UNESCO-Weltnaturerbe Wattenmeer.
    Die Verbundenheit mit der Region gepaart mit der Offenheit für Neues – so erlebe ich die Dithmarscher*innen heute.

    Was wünschen Sie sich für Dithmarschens Zukunft?

    Es gibt sicherlich viele Wünsche für Dithmarschens Zukunft. Vor allem wünsche ich mir, dass Dithmarschen als selbständige Verwaltungseinheit bestehen bleibt. So besitzen wir als Selbstverwaltung – wie auch als Verwaltung – die Chance, das Beste zum Wohle der Bürger*innen zu erreichen. Mit vielen freiwilligen Kreiskooperationen beweisen wir, dass es auch ohne eine Fusion funktionieren kann. Die Digitalisierung müssen wir uns dabei gemeinschaftlich zum Nutzen machen. Wir benötigen auch weiterhin zukunftsfähige Kliniken, eine stabile hausärztliche Versorgung, genügend Kita-Plätze, die Sicherung und Weiterentwicklung des Industriestandorts Brunsbüttels und eine zukunftsfähige Landwirtschaft. Sie alle prägen Dithmarschen. Ich wünsche mir ein Dithmarschen, in dem alle Menschen weiterhin friedlich miteinander leben können.

  • Interview: Landrat Stefan Mohrdieck

    Stefan Mohrdieck ist seit dem 1. Juni 2018 Landrat des Kreises Dithmarschen. Er wurde 1967 in Brunsbüttelkoog, heute Stadt Brunsbüttel, geboren. Der Diplom-Verwaltungswirt war zunächst von 1983 bis 2018 bei der Stadt Brunsbüttel tätig, zuletzt als hauptamtlicher Bürgermeister (2011 bis 2018).

    Für Landrat Stefan Mohrdieck definiert sich der Kreis Dithmarschen heute in erster Linie nicht über territoriale Grenzen sondern über gemeinsame Ziele. Er sieht Dithmarschen als weltoffenen Kreis in Europa angekommen. Vor allem würde der Kreis auch vom Engagement seiner Bürger*innen leben.

    Landrat Stefan Mohrdieck Foto: Kreis Dithmarschen

    Landrat Stefan Mohrdieck Foto: Kreis Dithmarschen

    Zur Zeit der Kreisgebietsreform waren Sie drei Jahre alt. Haben Sie noch Erinnerungen aus Ihrer Kindheit und Jugend, dass es ein starkes „Nord-Süd-Denken“ in der Gesellschaft gab?

    In jungen Jahren habe ich mir keine konkreten Gedanken darüber gemacht. Heute weiß ich, dass das „Nord-Süd-Denken“ noch lange nachwirkte und in Teilen, jedoch bei weitem nicht vergleichbar zu den 1970ern, heute noch vorhanden ist. Ich erinnere mich an kleine Anekdoten, die in der Familie oder auf der Arbeit erzählt wurden, die das wechselvolle Verhältnis zwischen Norder- und Süderdithmarschen charakterisierten. Es war weniger ein Konkurrenzdenken, sondern eher eine Verbundenheit mit dem eigenen ehemaligen Kreis.

    Welche Entwicklungen, insbesondere in der Kreisverwaltung und der Daseinsvorsorge, wurden durch die Kreisgebietsreform begünstigt?

    Die Kreisfusion hat Vorteile für Dithmarschen mit sich gebracht wie die Verteilung der Gemeinkosten, vereinte Fachkompetenz und ein größerer Haushalt. Vor allem komplexe Themen wie Infrastruktur, ÖPNV, Gesundheitsversorgung und der Breitbandausbau lassen sich dank der Kreisfusion heute gut bewältigen.

    Für Dithmarschen war die Fusion der Kreise Norder- und Süderdithmarschen auch ein Zurück zu den historischen Wurzeln: Die ehemals getrennten Einheiten bildeten wieder ein Ganzes.
    Entscheidend ist bei Reformen wie der Kreisfusion, dass stets die Menschen im Fokus stehen: Dienstleistungen und Versorgung sollen alle Bürger*innen erreichen. Das erfordert bis heute Flexibilität und Kooperation in der Zusammenarbeit.

    In diesem Sinne wird die Verantwortung für die Gestaltung der Zukunft des Kreises von mehreren Schultern getragen: Ob von einem Amtsvorsteher, einer ehrenamtlichen Bürgermeisterin, einem Gemeindevertreter, dem Vorstand eines Sportvereins oder einer Mitarbeiterin der Kreisverwaltung – sie alle leisten einen Beitrag für Dithmarschen und die Zukunft der Menschen in unserer Region. Viele definieren sich dabei nicht über Grenzen, sondern über Ziele.

    Dank dieses hauptamtlichen und ehrenamtlichen Engagements ist aus der Zusammenlegung der Kreise Norder- und Süderdithmarschen nicht nur eine neue Verwaltung entstanden, sondern auch ein neues Gemeinwesen gewachsen.

    Heute setzt die Kreisverwaltung vermehrt auf grenzübergreifende Kooperationen. In welchen Bereichen strebt Dithmarschen Kooperationen mit weiteren Kommunen in Schleswig-Holstein, bundesweit und international an?

    Dithmarschen lebt und pflegt Kooperationen neben den klassischen Verwaltungsbereichen auch zu unterschiedlichen Themen wie Wirtschaft, Tourismus, Naturschutz und Infrastruktur – überregional und international. Ein Beispiel dafür ist die Regionale Kooperation Westküste mit unseren Nachbarkreisen Nordfriesland, Steinburg und Pinneberg sowie die der Industrie- und Handelskammern zu Kiel und zu Flensburg und der Wirtschaftsförderungsgesellschaften der Kreise. Gemeinsam wollen wir die Wirtschaft, Infrastruktur und Innovationen an der Westküste voranbringen. Denn für Menschen und Unternehmen gibt es innerhalb dieses Raumes keine Grenzen – das ist für viele ganz selbstverständlich geworden. Auch die Metropolregion Hamburg, ein Zusammenschluss von Kommunen aus mehreren Bundesländern, zeigt, wohin die Entwicklung in der Gestaltung gemeinsamer Ziele gehen kann. Das Wattenmeer bindet uns in eine internationale Verantwortung mit ein: Dafür tauschen wir uns in der trilateralen Kooperation Wadden Sea Forum mit den Niederlanden, Dänemark und Deutschland zum Schutz des Unesco-Weltnaturerbes Wattenmeer aus. Mit Nordfriesland pflegen wir im Tourismus mit der Nordsee-Tourismus-Service GmbH eine gute Zusammenarbeit. Außerdem ergeben sich zahlreiche überregionale Kooperationen über den Landkreistag.

    Auch die internationale Politik hat stets Einfluss auf Dithmarschen gehabt: Als die Kreise Norder- und Süderdithmarschen fusionierten gab es die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft mit dem Ziel eines gemeinsamen Marktes. Wie ordnen Sie Dithmarschen heute in Europa ein?

    Dithmarschen ist ein Kreis in Europa: Zum einen fördert die EU Kreisprojekte, wir richten uns nach europäischen Gesetzen und Zielsetzungen zum Beispiel in der Digitalisierung und im Umweltschutz. Internationale Beziehungen werden geschäftlich und privat gepflegt, Menschen mit internationalen Wurzeln fühlen sich hier zunehmend Zuhause. Wirtschaftsbetriebe und Bildungseinrichtungen richten sich international aus. Auch im europäischen Vergleich zum Themenfeld Erneuerbare Energien spielt Dithmarschen eine gewichtige Rolle. Es gibt grenzübergreifende Schulaustausch- und Kulturprojekte. Offene europäische Grenzen, aber auch die Digitalisierung und die sozialen Medien beschleunigen und intensivieren den Austausch. Sowohl in der Verwaltung als auch auf der wirtschaftlichen und privaten Ebene wird der europäische Gedanke längst im Alltag umgesetzt. Das kennzeichnet uns als weltoffenen Kreis.

    Wie ist die Kreisverwaltung im Jahr 2020 für die Zukunft gerüstet?

    Verwaltung ist ein Spiegel der Gesellschaft. Wir erbringen vielfältige Leistungen, die die Gesellschaft benötigt. Mittlerweile müssen wir uns verstärkt auch digital aufstellen. Daher spielt die Digitalisierung eine Schlüsselrolle für unsere Zukunft.

    Die Digitalisierung ist ein komplexer, fortlaufender Prozess, der aufgrund der schnellen Entwicklungen nie ganz abgeschlossen werden kann und unsere Aufmerksamkeit erfordert. Aufgrund der Corona-Pandemie wurden einige Entwicklungen noch beschleunigt: Von einem Tag auf den nächsten wurden zum Beispiel Videokonferenzen zum Standard. Die Digitalisierung ist herausfordernd, aber zugleich auch eine große Chance für den Kreis. Sie ist nur ein Beispiel von vielen Herausforderungen, die wir für die Zukunft angehen. Bei allem gilt: Verwaltung dient keinem Selbstzweck. Sie dient den Menschen. Daher müssen wir unsere Ziele stets den Bedürfnissen und der Lebenssituation der Menschen sowie gesellschaftlicher, technischer und wirtschaftlicher Entwicklungen anpassen.

    Was wünschen Sie sich für Dithmarschens Zukunft?

    Ich wünsche mir, dass sich die Menschen in Dithmarschen weiterhin wohlfühlen, hier gerne leben und arbeiten.

    Wir kommen bei zahlreichen Projekten gut voran, von denen auch zukünftige Generationen profitieren werden, wie die Modernisierung des BerufsBildungsZentrums Dithmarschens oder der Breitbandausbau. Aktuell wird auch die Kreishaussanierung konkreter und die Studie zur Imagekampagne des Kreises Dithmarschen ist in Arbeit. Wir besitzen auch noch mehr innovatives Potential im Bereich der Erneuerbaren Energien, dass wir weiter ausschöpfen können.

    Bei allem tun wir unser Bestes. Natürlich gehört dazu auch Kritik. Unsere Ziele können wir nur erreichen im Einvernehmen mit den Bürger*innen und in Kooperation mit unseren Partnern.
    Wichtig finde ich dabei auch, wenn sich die Dithmarscher*innen für das Gemeinwesen engagieren – ob in der Kultur, im Sport oder bei der Feuerwehr. Sie leisten eine wertvolle Arbeit für unseren Zusammenhalt und die Demokratie. Dieser Einsatz ist auch wesentlich für die Zukunft Dithmarschens.

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